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clarital
(nicht ganz konsistent, aber schon eine Bemerkung wert..)

Rette sich, wer kann

Zu Besuch beim Soziologen Wilhelm Heitmeyer
(...)
Was wir über die Jahre hinweg ganz deutlich feststellen können, ist, dass sich der gesellschaftliche Ton massiv verändert hat. Ich habe Ihnen ja schon ein paar Beispiele gegeben. Diese Form von Rohheit, mit der wir es heute zu tun haben, gab es in den 90er Jahren noch nicht. Es hat ja auch die ganzen Probleme der gesellschaftlichen Integration oder Desintegration so noch nicht gegeben. Sie ist ein ganz zentrales Thema unserer Studie. Wir arbeiten mit dieser Theorie der sozialen Desintegration, die wir entwickelt haben, um herauszufinden, was für Menschen bedrohlich wird und wie sie darauf reagieren. Desintegration und Integration reservieren wir in unserem Konzept natürlich nicht für die Zugewanderten, sondern das gilt ebenso für Teile der Mehrheitsgesellschaft. Die sind ja auch nicht integriert, wenn man ein bestimmtes Integrationskonzept zugrunde legt, nämlich den Zugang zu den Funktionssystemen wie Arbeit, Bildung etc. und der daraus entspringenden sozialen Anerkennung - was für uns ein sehr wichtiger Punkt ist.


Und wir stellen die Frage nach der politischen Partizipation; Kann ich an diesen wichtigen Kernnormen, wie Gerechtigkeit, Solidarität und Fairness - kann ich da eigentlich mitdiskutieren? Habe ich da überhaupt eine eigene Stimme? Und wenn ich die nicht habe, dann scheine ich auch keinen Anspruch darauf zu haben und bin lediglich ein Bürger zweiter oder dritter Klasse. Also ich bin politisch völlig einflusslos, oder eben auch meine Gruppe. Hier setzt dann wieder ein Abwertungsverhalten ein, denn es ist ja nicht so, dass man sich nun zusammentut und gegen die herrschenden Gruppen vorgeht, sondern die negative Erfahrung wird umgelenkt und gegen die noch Schwächeren in der Gesellschaft gekehrt. Auch, um sich von denen abzusetzen und sich zugleich aufzuwerten. Es ist zynisch, aber jede Gesellschaft braucht genau dazu ihre Randgruppen, denn mit solchen Randgruppen wird Politik gemacht, man signalisiert der Mehrheit: Passt auf, dass ihr da nicht hineinrutscht! Insofern werden Randgruppen auch immer wieder neu ,kreiert'."Aber das ist nur die eine Seite, auf der anderen Seite - es laufen da mehrere Sachen zusammen - haben wir es über die Zeit hinweg auch mit einer Kontrollverschiebung zu tun. Es gibt nämlich einen Kontrollgewinn des autoritären Kapitalismus. Und dem entspricht ein Kontrollverlust der nationalstaatlichen Politik. Und daraus resultieren dann natürlich auch diese Formen der Demokratieentleerung. Die Ökonomisierung des Sozialen. Sicher, es gibt natürlich auch hausgemachte Dinge, wie schon gesagt, aber auf der anderen Seite gibt es diesen rabiaten Wettbewerb, bei dem nicht mehr Firmen miteinander konkurrieren, sondern ganze Länder. Auch im Hinblick auf die Standorte von Firmen. Und das macht noch mal einen deutlichen Unterschied in der Frage der Veränderung von Politik. Und bei all dem muss man eben aufpassen, dass die soziale Spaltung, die soziale Ungleichheit, die wir inzwischen erreicht haben, sich nicht noch weiter entwickeln. Teil des Problems ist, dass die nationale Politik keinerlei Interesse daran zeigt. Im internationalen Vergleich ist deutlich zu sehen: Je größer die Einkommensungleichheit, die einseitige Verteilung des Reichtums, umso größer sind die sozialen Probleme. Wir Deutschen haben ja, laut OECD, die größten Zuwachsraten in der ungleichen Verteilung. Der entscheidende Punkt ist dabei ja, dass die Ungleichheit die Gesellschaft regelrecht zersetzt, dass der Prozess sich einschleicht und erst mal relativ unbemerkt verläuft, weil sich eben keine protestierenden Kollektive mehr bilden können und weil auch keiner mehr zuhört. Weil vielfach das Motto lautet: Rette sich, wer kann. Dadurch ist das Leben in bestimmten sozialen Gruppen auch permanent angstdurchsetzt und verätzt. Und das macht diese Ungleichheiten schon ziemlich gefährlich. Und es gibt etwas sehr Wichtiges, was ich bei sämtlichen Vorträgen deutlich mache - man muss sich hüten vor Normalisierung. Was in den 90er Jahren nicht denkbar war, ist heute ganz normal. Und was normal geworden ist, lässt sich nur noch schwer problematisieren. 

(...)

- taz.de

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Schweinderl