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March 19 2012

clarital
Piraten leiden unter Feminismus-Paranoia

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Und leider muss man zweitens feststellen, dass die Piraten zwar Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern wahrnehmen - aber selbst anscheinend keine große Lust verspüren, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen: Nur 14 Prozent der Befragten in der Umfrage gaben an, sich besonders für Geschlechter- und Familienpolitik zu interessieren.

Die Initiatorinnen der Umfrage erhielten Reaktionen wie: "Das nervt nur noch! Wir haben wichtigere Themen" oder gar: "Die Genderdebatte und Quotengewichse ist überflüssig." Nur knapp die Hälfte der Umfrageteilnehmer findet die Debatte überhaupt wichtig - das ist in Zeiten, wo sogar die CDU und die FDP über Frauenquoten diskutieren, nicht gerade berauschend.

Denn eine Partei ist nur dann eine Freiheitspartei, wenn sie aktiv etwas dagegen tut, dass die eine Hälfte der Menschen in Deutschland immer noch nicht gleichberechtigt neben der anderen Hälfte existieren kann - das gilt intern wie extern. Besonders aufhorchen lässt deswegen ein anderes Ergebnis der Umfrage: 36 Prozent der Befragten stört an der Genderdebatte in der Partei, dass sie nur auf Frauen abziele - und "andere Minderheiten" vernachlässige. Frauen - eine Minderheit? Dies zeigt, wie schwer sich die Piraten mit der Debatte tun.

(...)
Genderdebatte in der Piratenpartei - Piraten leiden unter Feminismus-Paranoia - Politik - sueddeutsche.de

August 08 2011

clarital

Am Ende geht es um Sex

05.08.2011 | 15:30

Das Manifest des Osloer Attentäters, gelesen mit dem analytischen Instrumentarium von Klaus Theweleits „Männerfantasien“: eine erhellende, erschreckende Lektüre.

Vorlesen

Nein, man muss das 1500-Seiten-Manifest des Osloer Attentäters Anders Breivik nicht gelesen haben. Spätestens nach den ersten 300 Seiten flimmern einem die Augen. Dennoch kann man es tun, und es gehen einem dabei sogar Lichter auf. Insbesondere, wenn man sich dazu ein Buch aus dem Regal holt, das man zuletzt vor 25 Jahren in der Hand hatte: Klaus Theweleits Klassiker „Männerfantasien“, ebenfalls knapp 1000 Seiten stark. Nebeneinandergelegt und parallel gelesen, tun sich zwischen den beiden Werken tiefe Einblicke auf – in bizarre, aber politisch-analytisch hochinteressante Abgründe.

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Theweleit untersucht in seinem 1977/78 erschienenen Werk die Zusammenhänge zwischen Faschismus und Geschlechterverhältnis. Dafür nimmt er sich die deutschen Freikorpssoldaten der Zwischenkriegszeit her; Angehörige jener Freischärlertrupps, die in den Anfangsjahren der Weimarer Republik die kommunistischen Revolten niederschlugen und aus denen später viele führende Figuren der nationalsozialistischen Bewegung hervorgehen sollten. Er seziert das Innenleben dieser jungen Männer: ihr Frauenbild, ihre Körperwahrnehmung, ihre Ängste und die Rettungsvisionen, an die sie sich klammerten. Was war es, das diese Männer antrieb, was formte ihr politisches Weltbild, was machte sie bereit für grausamste Gewalttaten?

Theweleit hat dafür Tausende Quellen ausgewertet, Literatur, Schundromane, Briefe, Autobiografien, Bilder, Zeichnungen, Werbeplakate und politisches Propagandamaterial. Hätte er Breiviks Manifest in der Hand gehabt – der Attentäter von Oslo wäre der perfekte Patient, um seine Charakterstudie zu illustrieren. Und so sehr aus Theweleits Diktion auch der Geist der Siebzigerjahre weht – inhaltlich hat seine Analyse nichts von ihrer Schärfe verloren.

Alles beginnt nämlich mit der Angst. Vor der Flut, dem Brei, der Unordnung. War für die Faschisten der Zwischenkriegszeit diese „Flut“ gleichbedeutend mit der kommunistischen Revolution, so passt die Terminologie mindestens ebenso gut auf das Bedrohungsszenario, das die gegenwärtigen fremdenfeindlichen Kulturkämpfer an die Wand malen. Nicht zufällig gehören Begriffe wie „multikultureller Einheitsbrei“, „Ausländerflut“ oder „Überschwemmung“ zu ihrem Lieblingsvokabular. „Die Flut ist erregend und beängstigend zugleich“, schreibt Theweleit. „Sie ist entweder in einem selbst oder außen ganz nah. Die Männer scheinen jede strömende Flut direkt auf sich, jeder auf seinen Körper zu beziehen. Schauplatz des Tobens ist immer auch der eigene Leib.“

Er konnotiert die Angst vor dem Verschmelzen, vor der Vermischung, vor der Uneindeutigkeit mit der Angst vor der Frau. Das mag zunächst an den Haaren herbeigezogen klingen. Doch schon der erste Blick in Breiviks Manifest zeigt, dass diese Diagnose ziemlich genau ins Schwarze trifft. Da ist tatsächlich wenig von Ausländergesetzen, Arbeitsmigration oder der Scharia zu lesen. Dafür umso mehr von der drohenden „Feminisierung der europäischen Kultur“, vom „radikal-feministischen Angriff auf unsere Werte“, der „psychologischen Kriegsführung gegen den europäischen Mann“, von Testosteron und „Alpha-Boys“.


Antiislamisch? Antiweiblich!

Breivik spricht offen aus, dass sich sein antiislamischer, antimarxistischer Kulturkampf über weite Strecken mit einem antiweiblichen Geschlechterkampf deckt. Da „60 bis 70 Prozent aller kulturellen Marxisten weiblich“ seien, müsse sich die Strategie logischerweise auf sie konzentrieren. Bei Theweleits Soldaten sind die kommunistischen „Flintenweiber“ der Inbegriff des Bösen. Frauen, die Waffen in die Hand nehmen und sich damit anmaßen, wie Männer zu sein. Bei Breivik hingegen besteht das Hassbild Frau aus zwei komplementären Teilen. Auf der einen Seite stehen die „weiblichen Power-Figuren“, von denen er sich in Fernsehen und Popkultur umzingelt fühlt, unterstützt von „Gender-Polizistinnen“, die „Männer zu Fußabstreifern gemacht“ hätten. Ihre Waffen sind nicht Flinten, sondern sexuelle Belästigungsklagen, gendersensitive Trainingskurse oder „Zeitschriften wie GQ oder Men's Health, die von Männern verlangen, sich hübsch zu machen“. Auf der anderen Seite, nicht minder bedrohlich, lauert die fremde muslimische Frau, die ihre Fruchtbarkeit als Waffe einsetzt. Um das zu verdeutlichen, fügt Breivik an dieser Stelle seines Traktats eine Illustration ein: eine Frau, gesichtslos hinter der Burka versteckt, mit einem prall gespannten, hochschwangeren Bauch. Auf dem Bauch liegt ihre knöcherne Todeshand, aus dem Bauch hängt eine brennende Lunte.

Das Bild könnte aus Theweleits Buch stammen. „Gerade der Fähigkeit der Frauen zu gebären gilt der Hass der Nicht-zu-Ende-Geborenen und ihre Rache“, schreibt er.

Individuell gesehen, wäre das alles bloß ein Fall für den Psychiater. Wäre es nicht längst auch politisch relevant. Denn tatsächlich ist nicht nur Anders Breivik davon überzeugt, der Feminismus habe die „Wehrbereitschaft der christlich-europäischen Bastionen von innen heraus zerstört“. Dass Zivilisation, Geschlechtergerechtigkeit, Fairness und respektvolle Umgangsformen eine Gesellschaft schwächen und sie in Gefahr bringen, von wilden Horden überrannt zu werden, ist ein oft erhobener Vorwurf – weit über radikale Kreise hinaus.

Dagegen hilft nur: Verhärten. Erstarren. Abwehrhaltung einnehmen. „Die zitternden Soldaten wollen auf keinen Fall schwimmen, welcher Strom es auch sei“, schreibt Theweleit. „Sie wollen fest, mit beiden Füßen, mit jeder Wurzel im Boden verankert stehen, die Fluten, die da kommen, an sich abprallen lassen, sie aufhalten, eindämmen.“ Auch Breivik sucht solche Klarheit; einen „Zusammenhalt, der eine nationale Vision produziert, mit festgelegten Grenzen für akzeptables und inakzeptables Verhalten“. Wer das will, braucht Techniken. Theweleit zählt sie auf: „Sich selbst Kommandos geben, sich zusammenreißen, alle Formen der absichtsvollen Selbstkontrolle / das Wachsein, die ständige Beobachtung / das Körpertraining im Trimm-dich-Sinn. Tätig sein, um etwas zu tun / Schreiben, um zu ordnen, um nicht fühlen zu müssen / Reden, um nicht zu hören, um zu beschwören . . .“ Und als hätte er dieses Psychogramm gelesen, gibt Breivik detailliert Auskunft über seine Motivationsrituale. Täglich ein 40-minütiger Spaziergang oder Work-out mit dem Ipod, dann „einen Widerstandsblog lesen“ oder „die Operation mental simulieren“: „Solche Rituale laden die Batterien auf.“

Rituale helfen beim Fokussieren und machen fit für die Tat. Für die Rache an all jenen, denen die eigenen Ängste fremd sind. Die sich weder vor dem Untergang der Rasse noch vor dem Zusammenbruch der christlichen Moral noch vor der Verschmelzung mit anderen Kulturen fürchten. Wie die Jugendlichen auf der Insel Utöya. Haben womöglich unterschiedliche kulturelle Hintergründe und dennoch keine Berührungsängste. Finden nichts dabei, im selben Zelt zu schlafen. Wer weiß, was sie dort drin tun. Und haben womöglich noch Spaß dabei.

Ja, selbstverständlich geht es hier auch um Sexualität. Und um Neid.

Als die jungen, unerfahrenen Freikorpssoldaten den Arbeiterfrauen begegneten, wird das nicht anders gewesen sein. Theweleit beschreibt diese als „Frauen, die nicht aus Korsetts und Miedern gemacht waren. Das waren Frauen, die für Männer zu haben waren, aber da lag auch schon der Haken: zu haben nur für andere Männer.“ Frauen, die ein Mann gern hätte, aber nicht haben kann, müssen – damals wie heute – mit Gewalt rechnen. Oder zumindest damit, „Huren“ genannt zu werden. Breivik, der auch hier klare Linien braucht, ordnet Frauen „ab 20 Sexualpartnern“ dieser Kategorie zu.

Überhaupt ist es bei näherer Betrachtung beinahe unheimlich, wie viele sexuelle Anspielungen sich in seinen Worten finden. Von „Entmannung“ und „Impotenz“ ist oft die Rede, von der „Vergewaltigung Europas“, Parlamentarier werden als „politische Prostituierte“ bezeichnet. Angewidert, aber umso detaillierter erzählt Breivik über die Promiskuität, die seiner Mutter eine Herpesinfektion und seiner Schwester Chlamydien und Unfruchtbarkeit eingetragen hätten („Beide haben über mich und unsere Familie Schande gebracht“). Und „basierend auf den Erfahrungen meiner männlichen Freunde, meine eigenen inbegriffen“, ordnet er die Frauen verschiedener Nationalitäten nach ihrer Sexualmoral, vergibt Punkte und erstellt Rankings. Wieder geht es darum, jeder den ihr zustehenden Platz zuzuweisen. Oder, wie Theweleit sagen würde: „Frauen in unbelebte Objekte zu verwandeln.“

Mittelfristig stoßen körperfeindliche Rassisten allerdings auf ein programmatisches Problem: Wie soll man den Fortbestand der Rasse sichern, „den Volkskörper zusammenhalten“, sich wappnen gegen „Überfremdung“, wenn man Frauen grundsätzlich misstraut? Theweleits Soldaten konnten sich noch in die Konvention flüchten. Die traditionelle Familie diente als Panzer, in der die männlichen und weiblichen Rollen klar definiert waren. Man musste sich bloß fügen und seine Pflicht erfüllen.


Sexualität ein für alle Mal abschaffen

Heute ist das schwieriger. Doch Breivik hat eine Idee, wie man das Familienmodell der Fünfzigerjahre in die Moderne retten könnte: Er stellt sich eine Ehe vor, in der die Mann-Frau-Beziehung auf einen Vertrag zur Kinderaufzucht reduziert wird. Der Staat solle Häuser zur Verfügung stellen, in die Familien ab dem dritten Kind einziehen. Ausziehen dürfe man erst, wenn das jüngste 18 Jahre alt sei, Trennungen davor wären untersagt. In einem weiteren Schritt könne man das Gebären an Leihmütter in Billiglohnländern auslagern. Die europäischen Embryos würden in vitro erzeugt, die Kinder anschließend, jeweils zu sechst, in Wohngemeinschaften von je einem Erzieher und einer Erzieherin professionell aufgezogen. In letzter Konsequenz könne es schließlich auch maschinelle Gebärmütter geben.

Der Attentäter gibt das alles als Lösung für „das demografische Problem“ aus; als Antwort auf die Frage, wie man verhindern könne, dass „die nordischen Gene“ aussterben. Doch es braucht nicht viel psychotherapeutische Expertise, um zu erkennen, was dahinter hervorlugt: die Sehnsucht, Frauen zu entmachten und samt ihrer Fruchtbarkeit überflüssig zu machen. Sie durch Dinge zu ersetzen, die man auf Knopfdruck steuern kann. Und die Sexualität, die einem ohnehin schon immer unheimlich war, ein für alle Mal abzuschaffen.

Mit dieser Fantasie ist der Mann wahrscheinlich nicht allein. Theweleits Soldaten zumindest hätten daran ihre helle Freude gehabt. ■

Am Ende geht es um Sex - DiePresse.com
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